Greenpeace erwischt Gazprom bei Öl-Bohrung in Arktis.

Statt Gazprom, Aktivisten in Haft.

Murmansk. Gazprom bohrt in einem einzigartigen Ökosystem nach Öl. Weil sie sich an die Ölplattform ketten wollten, um gegen die Bohrungen in der Arktis zu protestieren, sitzen 30 Greenpeace-Aktivisten jetzt für zwei Monate in russischer Untersuchungshaft (Video). Auch die Arctic Sunrise, das Greenpeace-Schiff, haben die Behörden einkassiert. Noch weiß niemand, wie es weitergeht.

Gazprom ist ein Staatsunternehmen und deshalb ist der Gegner weniger ein Unternehmen als vielmehr ein Staat. Staaten haben mehr als ein Image zu verlieren, Staaten sind stolz, sie fürchten um ihre Ehre. Nur so lässt sich verstehen, warum sich Putin sogar persönlich zu dem Fall äußerte. Es ist ein Staatsfall, eine Staatskrise. Eine erneute Krise, in der die Kritikfähigkeit des Staates Russland auf die internationale Probe gestellt wird.

Russland will im Kreis der sogenannten Zivilisierten mitspielen. Nun gut, dann kann Russland das jetzt beweisen. Putin weiß letztlich, dass es nicht ewig so weitergeht, dass man nicht jeden missliebigen Kritiker wegsperren kann. Bis dieses Wissen allerdings zu jenen Beamten vorgedrungen ist, die vor Ort mit den Aktivisten konfrontiert sind, das kann dauern. Darum wird erst einmal weiter wegen Piraterie ermittelt, wenngleich Putin öffentlich verlauten ließ, dass es sich „ganz offensichtlich“ nicht um Piraterie handelte.

Jetzt sitzt Greenpeace in Haft und eigentlich hätte unsere geliebte „Klimakanzlerin“ auf dem G8 Treffen in England im Juni 2013 über Tiefsee-Ölbohrungen und Klimawandel sprechen müssen. Hat se aber nicht! Im politischen Bankett der Nordhalbkugel tritt niemand mehr auf die Füße des anderen. Es sind Organisationen wie Greenpeace, die mit Hilfe von Spenden und Ehrenamtlichen diese „politische Drecksarbeit“, auch ‚Kritik‘ genannt, betreiben. Darum war und ist Greenpeace immer noch Wegbereiter jener Demokratie, in welcher die meisten von uns nur deren Vorteile konsumieren. Auch unsere „westlichen Demokratien“ haben den Umgang mit zivilem Ungehorsam erst lernen müssen. Auch hierzulande hat Politik mitunter Angst vor der Öffentlichkeit und weiß sich nur mit Wasserwerfern zu helfen, wenn Wutbürger Bahnhöfe verhindern wollen und Parks besetzen.

Als Greenpeace mit dem Schiff Rainbow Warrior 1985 gegen die Atombombentests der französischen Regierung auf dem Moruroa Atoll protestierte, versenkte der französische Geheimdienst das Schiff durch zwei Haftminen auf direkte Weisung der Staatsführung. In dieser sogenannten „Opération Satanique“ starb der Greenpeace-Photograph Fernando Pereira in dem sinkenden Schiff. Gemessen an diesem Ereignis war die Reaktion der russischen Behörden zwar übertrieben und robust, aber verletzt wurde niemand.

Doch was jetzt? Dreißig Menschen, die sich an einer Ölplattform festketten wollten, einen Gerichtsprozess wegen Piraterie anzuhängen und durchzufechten, um sie dauerhaft zu inhaftieren? Bei diesem Spiel zerstörte man neben der Zukunft der Aktivisten, vor allem jene Zukunft, die Putin sich für Russland ausgemalt hat.

#FreeTheArctic30

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Mit Lockfleisch auf Kundenfang.

Und ewig lockt der Hackepeter.

Als mir zu Wochenbeginn im Verlauf eines Lachkrampfes Kaffee in die Nasennebenhöhlen schoss, las ich gerade das Wort „Lockfleisch“ in der Netz-FAZLockfleisch, das ist vor allem Hackfleisch, welches der Lebensmittelhandel zu günstigen Preisen und teilweise unter Einkaufspreis verkauft, um damit Kunden anzulocken. Fleischpreise seien Lockpreise, zitiert die FAZ einen Tim Koch von der Agrarmarkt Informationsgesellschaft (AMI) in Bonn. Die Angelockten – so hofft der Händler – kaufen dann nicht nur das Lockfleisch, sondern auch andere Produkte, und so wird aus dem Minusgeschäft doch noch ein Plusgeschäft. Auf ernüchternde Weise wird hier deutlich – pardon einmal mehr deutlich – wo der deutsche Mensch in der Evolutionsskala der Säugetiere wirklich steht: nämlich immer noch am Anfang. Mit Käse fängt man Mäuse und mit Lockfleisch fängt man Deutsche. Und wie die Maus dem Duft des Käses in den sicheren Tod der Mausfalle folgt, so folgen die Bürger dem Lockfleisch in die Hölle Supermarkt, um sich dort das Geld aus der Tasche ziehen zu lassen. Denn, wo man schon mal da ist, da kann man ja noch dieses und jenes kaufen. Das Interessante am Lockfleisch ist der Fakt, dass hier mit Fleisch geködert wird und nicht wie üblich nur mit einem billigen Preis. „Geiz ist Geil“ ist demnach nur die halbe Wahrheit. Fleisch ist mindestens ebenso geil, denn es scheint sich besonders gut zum Anlocken von Konsumenten anzubieten. Dies hat der Einzelhandel erkannt, und zumindest aus dieser Erkenntnis lässt sich eine gewisse Listigkeit – um nicht zu sagen Intelligenz – ableiten. Wenngleich auch – und das sei hier nicht verschwiegen – andere Säugetiere und sogar Insekten zuweilen Köder ausbringen, um ihre Beute anzulocken. Dass sich der Konsument besonders gut mit Fleisch ködern lässt und nicht mit Gurken oder Porree ist ein soziales Phänomen und es liefert einen Erklärungsansatz, mit welchem sich eine weitere aktuelle Fleischdebatte versachlichen ließe: Die Rede ist von der Sexismusdebatte. Diese wurde angestoßen, als sich die Fleischeslust Rainer Brüderles darin sublimierte, dass dieser einer ihn begleitenden Journalistin zuraunte, dass er ihr Lockfleisch gerne mal im Dirndl zu sehen bekommen täte. Unterstellt man nun das seltsame soziale Phänomen des Lockfleisches, so erhält man eine vollkommen natürliche Erklärung für die in unserer Gesellschaft grassierende Fleischbeschau zwischen den Geschlechtern, auch Sexismus genannt. Wenn ein Mitglied des einen Geschlechts einem Mitglied des anderen Geschlechts zweifelhafte Komplimente nachruft, in denen das Fleischliche zum Thema erhoben wird, so lässt sich das nicht nur mit der Herrschaft dieses einen Geschlechtes über das andere erklären. Vielmehr wird durch den dominanten Reiz dargebotenen Lockfleisches eine Reaktionskette im Menschen ausgelöst, die es ihm schwer möglich macht, fleischlichen Versuchungen zu widerstehen. Am Ende einer Fleischbeschau stünde dann nicht mehr die Gewissheit über die Geilheit eines älteren Herren, geschweige denn die Frage „Zu dir oder zu mir?“, sondern die hier einzig angemessene Frage: „Geschnitten oder am Stück?“

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Das war es Grass wohl wert.

Antisemitismus-Vorwurf grassiert wieder.

Günter Grass hat es geschafft. Er hat eine in Deutschland eigentlich unmögliche Diskussion angestoßen. Das will nur keiner anerkennen. Und das ist – leider – typisch deutsch. Stattdessen mühen sich anonyme Bürgerblogger, Politiker und Zeitungsmacher auf herrlich plumpe Art darin Günter Grass zur Unperson zu machen. Josef Joffe – Herausgeber der Zeit – bezeichnet Grass als Dichter mit „fieser Sprache“, als verfehlten Retter mit „Kalkül“ und als „Verführer mit Nobelpreis-Gütesiegel“. Skurril wird es, als Joffe Grass irgendwie in die NPD-Ecke schiebt, da jemand aus der NPD sich auch zu Grass‘ Gedicht geäußert hat. Das leuchtet ein: Weil einer Grass‘ Gedicht für sich interpretiert, spricht Grass für eben diesen? Am Ende lobt Joffe sich selbst und alle anderen, die diese Grass’sche „Dämonisierung Israels“ erkannt haben und nicht gelten lassen wollen. Diese Erkenntnis sei die wirkliche „Frohbotschaft von Ostern 2012“.

Josef Joffe und viele andere Grass-Schimpfer haben anscheinend eines kaum erkannt: Es gibt nun eine Debatte über ein schwieriges Thema. Stattdessen diskreditieren diese selbsternannten Literaten die Grass’sche Dichterqualität und interpretieren stolz zwischen den Zeilen Antisemitismus heraus, den sie psychoanalytisch aus seiner SS-Zeit rekrutieren. Dieser Empörungsjournalismus, der sich an der Person Grass festkrallt, beschämt irgendwie. Aber andererseits: Vielleicht muss das so sein, vielleicht geht es gar nicht anders. Vielleicht braucht eine Gesellschaft eine Person, an der sie sich aufreiben, an der sie ihren eigenen Standpunkt erkennen kann. Ein Opfer für die Erkenntnis. (Überspitzt: Einen Heiland.)

Leider sieht niemand, dass Grass sich hier in einer Art und Weise geopfert hat, wie es wohl nur einem alten Mann möglich ist: Jemandem, der nicht mehr zurücktreten muss. Jemandem, der ausharren kann. Jemandem, der noch Dinge aussitzen darf. Jemandem, der so gefestigt ist, dass er an aufgeregten Beschimpfungen und automatisierten Kritteleien nicht mehr zerbrechen wird. Grass hat sich einer Debatte geopfert. Er hat sie initiiert, weil sie seines Erachtens nach nötig war. Dass sie nötig war, beweisen die vielfachen Reaktionen.

Dass Grass sich der Gefahr der Initiierung bewusst gewesen sein muss, beweist auch die Textform: Das Gedicht ist verortet im Bereich der Literatur. Wahrheit oder Nicht-Wahrheit ist hier Sache des Interpreten. Leider erkennen manche Interpreten ihre eigene Rolle dabei nicht immer und suchen dann die Wahrheit in der Geschichte des Autors zu finden.

Wenn Joffe Grass einen „Verführer mit Nobelpreis-Gütesiegel“ nennt, geht er diesem Verführer vollends auf den Leim. Die relevante Frage indes stellt Josef Joffe nicht: Wozu verführt Grass? Grass verführt nicht zur Dämonisierung Israels, sondern zu einer Debatte über Krieg und Frieden, Vergangenheit und Zukunft und Freundschaft und wahre Freundschaft. Und diese Debatte gibt es jetzt sogar in den großen Meinungsmedien Deutschlands, in denen dieses Thema sonst kaum mehrseitig diskutiert wird. Das war es Grass wohl wert.

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Christian Wulff: Rente mit 52.

Christian Wulff hat ausgedient – bei angemessener Besoldung.

Ich weiß, ich weiß, genug von Wulff und seiner Krise. Aber nein, es ist noch nicht genug, denn Wulff ist so ein gutes Beispiel für ein schlechtes Beispiel, dass es diesem Land zu raten ist, sich noch länger mit Wulff zu beschäftigen.

Er kriegt ab jetzt jährlich 200.000 Euro Ehrensold (also Rente!) für eine Arbeit, die man im richtigen Leben als „lausigen Job“ bezeichnen würde. Nun wirft man den Medien wieder „Hetze“ vor und „übles Nachtreten“, man solle doch nun mal die „Kirche im Dorf lassen“ und den Wulff „in Ruhe lassen“ usw. Eigentlich unverständlich! Leben wir nicht in einer Leistungsgesellschaft? Da, wo die Leistung zählt. Da, wo der, der sich anstrengt, belohnt wird und der, der sich nicht anstrengt, leer ausgeht? Und wenn man sich nicht anstrengt, soll man sich hinterher nicht beklagen. „Leistung muss sich wieder lohnen.“ zitiere ich. Haben wir das nicht verinnerlicht, ist es nicht das, woran wir glauben?

Die unausweichliche Konsequenz unserer Leistungsgesellschaft wird jetzt dadurch eingelöst, dass die Medien und die Menschen nicht verstehen wollen, wofür Wulff diese Rente kriegen soll. Wofür ist also die Frage. Und man findet keine Antwort. Das soll nicht heißen, dass er nichts geleistet hätte. Es heißt lediglich, dass keiner versteht, was er dafür geleistet hat, dass ihm nun eine so hohe Ehren-Rente zusteht. Wenn ich Rente höre, denke ich immer an Rente mit 67. Als Landtagsabgeordneter kriegt man Pension ab 57, als Ministerpräsident ab 60, als Bundespräsident steht Wulff nun das Ehrensold ab 52 zu. Ohne Abzüge wegen Frühverrentung und dergleichen. Das muss man erst einmal sacken lassen, als normaler Mensch, als Bürger, als Arbeitsloser, als Rentner, als Mitglied unserer Leistungsgesellschaft.

„Da ist sie wieder, die Neiddebatte!“ werden manche jetzt denken. Ich frage: „Welcher Neid?“ Ich würde Wulf noch mehr Geld geben, wenn ich nur wüsste, wofür. Keine Spur von Neid. Wulff und alle Politiker sollen richtig hohe Renten kriegen, selbst wenn sie zurücktreten, denn sonst bleiben schlechte Politiker aus Furcht vor Rentenarmut an ihren Ämtern hängen. Aber sind jene Gelder, die Wulff aus seinen vorherigen Ämtern zustehen, nicht auch schon hoch genug, zumindest dafür, was er geleistet hat? Auf jeden Fall sollen die Politiker ja gut bezahlt werden, sonst werden sie korrupt. Erstaunlich ist, dass sie es auch werden, wenn man sie so gut bezahlt.

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Politisches Gedicht, ohne Bezahlung

Weil es keine politische Lyrik (mehr) gibt, hat die Wochenzeitung „Die Zeit“ politische Lyrik in Auftrag gegeben. Grund genug auch hier ein politisches Gedicht zu zeigen.

 Politisches Gedicht, ohne Bezahlung

 Zu verstehen die Leere, die bis zum Anschlag mit Wörtern gefüllt ist.

Es frisst kaum, es speit dieses Ungeheuer,

das sich hüllt in den Mantel der Demokratie

voll von Abscheu und Ekel gegen die jenen,

die mit anderer Propaganda zu Leben gewohnt

und immer lächelten.

 

Die Zeit geht an keinem vorüber

und ihre Minuten bewerten noch das kleinste Ereignis

und reichen es weiter an die Sekunden, es zu bewerten,

es zu erhärten.

Es wieder und wieder zu sagen im sängenden Takte

ersterbender Klänge vom besseren Leben,

zu reproduzieren das ewige Malmen der Kiefer,

die spucken und lechzen voll farbiger Wörter

und irgendwer glaubt noch daran.

 

Die Trauben sind schwer und sie neigen die Äste

im Glauben daran, dass das Unten sie irgendwie besser ernährt

als das oben es kann.

Sie neigen den Bauch zum leeren Versprechen

und ohne Regen vertrocknen sie schließlich auf ebener Erde.

Im Regentanz singender klingender Worte

erhofft man sich nun das Gefühl

zu verstehen,

das Gefühl zu bestehen

im Dickicht von farbigen Worten.

 

Wieder einmal glaubt man,

es wäre an der Zeit politische Gedichte zu veröffentlichen,

Singende klingende Gaben werden in Auftrag gegeben,

Reflexionen der Ungehörten,

Nur wer Glück hat, erhält das Gefühl, eine Meinung zu haben.

 

Wieviele Zeilen will man opfern?

 

 

 

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Guttenberg: Ein armer adeliger Mann

Und warum wir Deutschen dennoch zu ihm halten.

Dieser junge Leitwolf, der so einfache Wörter wie Ehre und Aufrichtigkeit aus seiner blaublütigen Vorzeit mit in den worthülsigen Politikbetrieb brachte, war unsere Lichtgestalt. Wir hofften, dass dieses junge Fossil einer alten Ära die Werte, die er sagte, auch meinte, weil er gar nicht anders konnte, weil sie ihm im Blute lagen. Daran wollten auch wir Übrigen uns gerne laben. Etwas Anstand hat schließlich noch keinem geschadet. Endlich ein Politiker, wie wir Umfragedeutschen ihn uns immer erträumt haben und ganz anders als wir: jung, schlank, rhetorisch gewandt – ein perfekter Politiker.

Seine Sprache stärkte einem das fernsehgekrümmte Rückgrat während der Tagesschau. Man zuckte und fühlte ein längst vergessenes „Stillgestanden“ in den Reihen jener lange Jahre verweichlichten Bundeswehr. Eines Militärs, das der Häme immer viel ertragen musste und das am Ende unter Franz Joseph Jung so charakterlos dahinsiechte, dass schon ein Oberst glaubte, die politische Befehlsgewalt selbst in die Hand nehmen zu müssen. Ja diese neue KT-Dynamik gefiel uns. Der lockere Laufschritt zum Hubschrauber, ein gutes Aussehen, die kleine Blonde an der Seite, Interviews mit klaren deutschen Worten wie Stolz und Freude. Endlich einmal brauchten wir uns nicht zu schämen für einen deutschen Politiker im Ausland. Und die starke Truppe war wieder wer. Wer nicht spurte oder wer sich durch Meinungen und Informationswäsche einbrachte, der flog raus. Die Liste ist ja bekannt. Die Messlatte angemessenen militär-politischen Verhaltens wurde hochgehängt. Und nun das. KT selbst ist unter die Ketten jenes Panzers geraten dessen Panzerung aus Ehrlichkeit bestand, der Ehre im Tank hatte, dessen Kanone mit Glaubwürdigkeit schoss und dessen Besatzung das Gewissen war. Und da liegt er nun, in den Händen die Reste einer zerfledderten Doktorarbeit, und kann in Konsequenz vor allem seiner eigenen Maßstäbe und in memoriam der Herren Hars, Schneiderhahn, Wichert und Schatz eigentlich nur eines tun: zurücktreten.

Zurückgetreten ist Franz Joseph Jung wegen weniger und so ganz genau weiß bis heute niemand weshalb und es ist auch egal. Doch Guttenberg bleibt. Warum er das kann, ist die falsche Frage. Sie muss lauten: Warum er das darf? Nun ja, von allen Politikern ist er genau jener, den sich die Deutschen entschlossen haben, kollektiv und parteiübergreifend zu lieben. Solange Gewissen, Glaubwürdigkeit und Vertrauen aus seinem Munde über unsere Truppenübungsplätze und Wohnzimmerteppiche paradierten, mochten wir ihn, weil auch wir etwas von dem Kuchen des Anstands abhaben wollten. Doch dieser Anstandskuchen ist nichts anderes als überbewertete Moral-Illusionen eines überalterten Bürgertums. Es sind Moral-Illusionen, denen schon wir Umfragedeutschen nie gerecht wurden und die wir darum auf den armen Freiherrn projiziert haben. Fortan werden wir KT noch mehr verehren, weil er uns aus diesem Druck von Schein-Werten entlässt. Es war auch viel zu schwer, das Besteck so schön gerade zu halten, diese ganze Zeit. Frei sind wir wieder, Menschen mit Fehl und Tadel von Gnaden Guttenberg. Dabei war uns diese akademische Elite schon immer suspekt. Ohne den Doktor ist der KT erst recht einer von uns. Jedoch das wahre Wohlgefühl liegt erst in der Geste des Verzeihens, die wir ihm gewähren werden. Er ist ein Betrüger. Na und? Er hat sich doch entschuldigt. Betrüger sind wenigstens kreativ. Wer ist denn heute noch kreativ in der Regierung? Der trockene Schäuble, das Kauderwelsch der Kanzlerin, das ganze allgemeine Parteisprech und erst recht die Steinmeierbrille sind jedenfalls nicht sehr inspirierend.

Ein KT-Rücktritt kommt für die Deutschen nicht infrage. Und für KT zum Glück auch nicht. Stattdessen biedert er als Wettertanne. Fragen, die ihm sonst Fragen der Ehre wären, werden mit Faselei von „den Überblick verloren“ und „handwerklichen Fehlern“ beantwortet. Dabei krümmt er sich nur ein wenig, kneift die Augen zusammen und senkt den Kopf schuldbewusst, während er von unbewussten Fehlern spricht. Und man sieht Kleinheit, Menschlichkeit, Schwäche, einen von uns. Wann immer er in diesen Tagen spricht, vergebens versucht dieser Mensch an seine rhetorische Brillianz vergangener Tage anzuknüpfen. Seine Befreiungsschläge misslingen ihm vor allem stilistisch. Die ehemals schneidige Rede betont gereizt und übermäßig nicht Betonenswertes. Er senkt die Augen zu oft, um sie gekünstelt im falschen Augenblick zu heben. Und man sieht: Dort windet sich ein Opfer. Ein armer adeliger Mann. Und man dachte doch immer: den macht keiner fertig, der hat es nicht nötig sich im Politikbetrieb kaputtmachen zu lassen. Wenn der keine Lust mehr hat, dann geht er einfach. Und nun wird klar, warum er immer noch von Gewissen und Aufrichtigkeit spricht, warum er weitermachen will. Es ist kein Wollen es ist ein Müssen: Er muss weitermachen, denn er hat sonst nichts, als sein blaues fränkisches Blut. Adel, das sind doch die, die nichts machen. Und was ist das schon im Gegensatz dazu, Regierung zu sein, Vorbild zu sein, über Macht zu verfügen. Er kann es sich nicht leisten abzudanken und zurückzukehren auf die Burg zu den Millionen und zum Muff der Vorväter, die noch wer waren. Er muss weitermachen, denn sonst wird er auf ewig der sein, dessen Wikipediaseite mit dem Kapitel „Dr. STRG+C – Die Plagiatsaffäre zu Guttenberg“ endet. Er muss mit einer positiven Bilanz abtreten. Es bleibt eine Frage der Ehre.

 

Auch erschienen als Leserartikel auf Zeit-Online.de.

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Tag der deutschen Einheit in Berlin

Am Tag der Deutschen Einheit in Berlin zu sein, passiert mir 2010 zum ersten Mal. Vor dem Reichstag wurden große Tribünen für die Würdenträger aufgestellt. Hinter den Tribünen beginnen die sogenannten Bannzäune, mit denen die Würdigen fein säuberlich vom Fußvolk abgetrennt werden. Kohl, Merkel, Weizsäcker und Co. Reden, Gesänge, Reden, Moderation, ein deutsches Volkslied, die Nationalhymne, betretenes Feiern.

Lediglich Helmut Kohls Augen werden – mit den Tränen ringend – immer größer. Kohl ist ein Tränenmann. Seine tränenschwangeren großen Äuglein ruhen in dem großen runden Gesicht mit einem Ausdruck von Wohlgefallen und der inneren Gewissheit, Geschichte geschrieben zu haben. Innerlich zufrieden thront er neben seiner dreißig Jahre jüngeren Gattin, die immer wieder hoffnungsvoll zu ihm schaut, wovon er sich jedoch nicht beeindrucken lässt. Tränenschwer verschwimmt der Chor vor Kohls Augen: Die Gedanken sind frei.

Spärlich vertretenes Wahlvolk

Kohl heult – Merkel schläft. Das spärliche Volk tastet sich am Bannzaun entlang, geht mit den Zaunwärtern auf Tuchfühlung. Auf jeden Fall hatte man viel zu viele Dixi-Klos aufgestellt, viel zu viele Notausgang-Schilder aufgestellt. Am Rand der Reichstagswiese werden die üppig vertretenen Übertragungswagen von Feiertagstouristen aus Mecklenburg-Vorpommern bestaunt.

Nein hier feiert außer Helmut Kohl niemand. Hier treffen sich Enttäuschte, in der Hoffnung ein bisschen weniger enttäuscht nach Hause zu gehen. Leider wird auch daraus nichts, wenn man nicht vorher bei der Werder-Bude reichlich Obstwein hatte.

„Coca Cola präsentiert das Fest zum Tag der deutschen Einheit.“

Die Redner gebrauchen die Worte ‚Demokratie‘, ‚Freiheit‘ und manchmal ‚Wohlstand‘. Auf den Reichstag projiziert man die Bilder der DDR-Demonstrationen von 1989. „Wir sind das Volk“ hallt es aus den Lautsprechern verstohlen über die leere Wiese. Unwillkürlich erinnert man Bilder des vergangenen Sommers als prügelnde und wasserwerfende Polizeitruppen Bahnhofs-Demonstranten in Stuttgart besiegten.

Viele haben jetzt genug, sie gehen Richtung Brandenburger Tor in der Hoffnung auf Currywurst und Glühwein. Dort ist endlich wieder alles normal. Fressbuden und ein großes Banner über der Straße: „Coca Cola präsentiert das Fest zum Tag der deutschen Einheit.“

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Der unedle Ritter Zumwinkel

Letzte Woche führte die Polizei auf der italienischen Burg Klaus Zumwinkels eine Razzia durch. Dabei leisteten die Italiener Amtshilfe im Rechtsfall der Telekomspionage, die Zumwinkel als damaliger Aufsichtsratschef mit zu verantworten habe. Die Telekom soll Mitarbeiter und Journalisten bespitzelt haben.

Noch interessanter als die Razzia ist die Tatsache der Burg. Die Burg Zumwinkel thront sicher auf einem Berg über dem Gardasee. Zumwinkel ist neben seinen Rollen als Spitzel, Steuerhinterzieher und Millionengehaltsempfänger also auch Burgherr. Das ist nicht erstaunlich, sondern folgerichtig. Denn wer spionieren lässt, den Fiskus beraubt und sich auf Kosten der Gemeinschaft ein viel zu hohes Gehalt bewilligt, nun ja, der braucht auch eine Burg.

Wo soll er sich schließlich verschanzen, wenn die Ausspionierten und Betrogenen Rechenschaft verlangen?  Wo soll er schließlich den angehamsterten Reichtum verstecken? Nur eine Burg vermag jene Sicherheit zu geben, der ein so unedler Ritter wie der Ritter Zumwinkel bedarf. Der Raubritter Zumwinkel hat wieder zugeschlagen. Zur Urlaubszeit verschanzt er sich auf seiner Raubritterburg, verbarrikadiert sich hinter meterdicken Mauern, die auch schon das betrogene Volk des Mittelalters nicht bezwingen konnte.

Das Raubrittertum ist heute so verbreitet wie dazumal. Und wenn damals das Volk zum Sturm auf die Burg gerüstet vor den hohen Mauern stand, dann schüttete auch der Burgherr selbst mal einen Eimer heißes Pech auf den aufgebrachten Pöbel. Zur Abschreckung. Dementsprechend war die mittelalterliche Staatsgewalt auch nicht zimperlich, wenn sie diesen oder jenen Raubritter mal dingfest machen konnte. Selbst nach Geständnis und Gnadenbitte wurde 1490 der Raubritter Fritz von Gich vom Stadtgericht Nürnberg zum Tode durch das Schwert verurteilt. Das heißt Kopf ab.

Auch Zumwinkel hat derweil schon Geständnis und Gnadenbitte abgeliefert – und da nun einmal klar ist, dass wir eigentlich noch im Mittelalter leben, wäre es vielleicht sinnvoll auch unsere Strafmethoden zu überdenken.

 

Auch und zuerst erschienen auf Webmoritz.de.

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Was Jack Wolfskin über uns Deutsche aussagt.

Ein Beitrag zur psychoanalytischen Kleidungssemiotik

Überall sieht man Jack Wolfskin. Das Phänomen ist so auffällig, dass ein mir bekannter Däne wähnte, Jack Wolfskin sei die neue Uniform der Deutschen! Die Deutschen sehnen sich also nicht nur nach einem neuen großen Führer, die Deutschen haben sich auch schon eine neue Uniform besorgt. Während weltweit die Menschen und besonders die Amerikaner am liebsten die Uniformen aus der Nazizeit auftragen, sind wir Deutschen zur Abwechslung mal einen Schritt weiter. Wir tragen “Outdoor”.

Die ersten die überhaupt solche Kleidung trugen, das waren Kraxel-Heinis und Wald-und-Wiesen-Freaks. Einst waren diese Leute Mangelware. Sie schliefen im schwedischen Winterwald und bestiegen hohe Alpenberge. Extreme Kleidung für extreme Leute. Jeder kannte so jemanden, nur richtig geheuer waren einem diese Menschen nie. Die ersten Nachahmer kamen aus den ökologischen Nischen der Landschaftsökologiestudenten und Umweltschutzaktivisten. Jeder von ihnen besaß zwar nur ein Paar Schuhe, aber das hat 300 Euro gekostet und war von Meindl.

Doch in letzter Zeit hat sich der Trend ausgeweitet. Das Nischendasein ist vorbei: Kleine und große Kinder, deren Eltern, Midlife-Krisisten, frisch verliebte und längst nicht mehr verliebte Paare im Partnerlook, Senioren, Müslifresser, Bettler, Camper, Sonntagsradfahrer, Banker, Professoren, schichtauf, schichtab und quer durch alle Stereotypen tragen die Deutschen Outdoor.

Jeder verlangt nach maximalem Schutz vor peitschendem Regen, vor durchtränkendem Körperschweiß, vor Glätte, Orkan, Taifun, Erdrütschen und -beben. Man will gewappnet sein. Fragt sich nur wogegen wirklich, denn die meisten dieser Katastrophen hat Deutschland gar nicht aufzubieten?

Warum also diese neue Uniform? Wir Deutschen sind eben Sicherheitsfanatiker! Jakob Grimm nannte uns pedantisch und er hatte recht. Wir warten an der Ampel, auch wenn kein Auto kommt, zumindest aber wenn kleine Kinder auf der anderen Seite stehen. Oder unsere Gartenzäune! Oder unsere Handtücher auf den Badeliegen! Oder unsere Studierenden, die Plätze für zehn Weitere in den Hörsälen freihalten, indem sie ihre Kleidung auf ebensovielen Stühlen verteilen! Oder unsere numerierten Kinosessel…

Auch mit dem berühmten MuFuTi (ost-deutsch für “Multifunktionstisch”) war man immer auf der sicheren Seite: Kaffeetrinken und Fernsehen – Runterkurbeln! Mittagessen und Abendbrot – Hochkurbeln! Wir mögen es sicher. Darum liebten wir schon immer Paragraphen, Waffen und Uniformen. Die Paragraphen haben wir noch, die anderen beiden haben wir im Zuge unrühmlicher Historie ersetzt.

Aus Waffen wurden Autos und aus der Uniform wurde nun Jack Wolfskin. Die Genauigkeit, für die wir so bekannt sind, lässt es nur konsequent erscheinen, dass mit der neuen Uniform jeder Deutsche eingekleidet zu werden hat. Darum stürmen wir die Globetrottermärkte und statten uns aus; mit nässetransportierender Unterwäsche, damit man sich nicht erkältet; mit polarfesten Hosen und Jacken, damit man sich nichts abfriert; mit Taschenlampen, die Stürze aus hundert Meter Höhe überstehen, und wenn nicht, dann kriegt man sein Geld zurück.

Weil wir so misstrauisch sind, gibt es bei Globetrotter auch Kältkammern, in denen wir uns Jacke und Hose tiefkühlen lassen können, während uns wohlig warm bleibt. Womöglich bleibt dies der härteste Einsatz für unsere neue MuFu-Kleidung. Outdoor-Kleidung macht uns unabhängig von allen Widrigkeiten des Alltags, und der Alltag ist widrig, das wissen wir. Vorbei die Zeiten der vom Wind zerstörten Regenschirme. Wir wollen es sicher. Da liegt es auf der Hand, dass wir diesem Sicherheitsbedürfnis auch mit unserer Kleidung Ausdruck verleihen wollen, nein müssen.

Wo Sicherheit zum Zwang wird, dort verbirgt sich die Angst. Ja, wir Deutschen sind ein ängstliches und trauriges Volk. Die Angst rührt aus unserer Geschichte. Vor allem durch die beiden Weltkriege haben wir uns mit unsagbarer Schuld beladen. Aus Angst vor dieser Vergangenheit und vor deren Wiederholung gilt es sich zu schützen. Und weil diese Angst und Schuld in unseren Leibern sitzt, darum fühlen wir uns immer ein wenig komisch, wenn wir im Ausland sind. Dieses intuitive Schuldgefühl ist kaum ortbar, kaum verstehbar. Aber es ist oft da. Ängstlich hoffen wir, das Thema gehe an uns vorbei.

Nichts ist ja schlimmer als sich zu rechtfertigen und am Ende hat man immer das Gefühl, sich gerechtfertigt zu haben. Und dabei wissen wir doch alle: Wer sich rechtfertigt klagt sich an! Psychologen würden sagen, wir seien traumatisiert. Das Schlimme aus unserer kollektiven Vergangenheit macht uns bis heute befangen. Darum können wir auch so schlecht locker sein. Ein weiteres Stereotyp, für das wir weltweit bekannt sind: Der Deutsche ist steif. Wollen wir doch mal locker sein, nutzen wir Alkohol, er entlastet kurz unser Gewissen.

Für die übrige Zeit haben wir jetzt Jack Wolfskin: Die Wolfshaut. Mit Outdoor stülpen wir uns die Wolfshaut über, obschon wir ein ängstliches Schäfchen sind. Wir verbergen Furcht und Selbstzweifel. Die Wolfshaut gibt uns die Sicherheit, die wir uns selbst nicht geben können. Uniformiert stehen wir im Regen, mimen Härte und eigentlich verbergen wir nur unser verletztes Inneres. Lediglich eine wunderbare semipermeable Membran aus Mikrofaser verhindert, dass wir nicht im eigenen Saft ersticken.

Darum ist MuFu-Kleidung so optimal für uns. Sie panzert uns gegen Schuldzuweisungen und sie versteckt unsere Angst, schuldig zu sein und ermöglicht uns dennoch das Atmen. Nun ja, unsere Haltung wirkt in den vielen Kunststoffschichten schon sehr steif, doch das nehmen wir in Kauf. Lieber steif als ängstlich. Wir verteidigen uns mit der Bärentatze und stülpen die Wolfshaut über, um jedem Angriff von Sturm und Regen standzuhalten, doch bleiben wir im Innersten allein.

Und gerade weil wir keinen reinlassen, fühlen wir uns so unverstanden, so deutsch.

 

Auch und zuerst erschienen auf Webmoritz.de.

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